Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Plausibel - aber nicht seriös

Wer Banker und Börsianer die Welt der Geldanlage erklären lässt, der macht den Bock zum Gärtner

11.02.2014 Der bedauerliche Umstand, daß Kundenberater von Banken in den allermeisten Fällen keine „Berater“ mehr sind, hat sich inzwischen weit herumgesprochen. Zu stark ist der Druck auf das Personal in den Filialen, das zu verkaufen, und zwar in großem Umfang, was dem Institut die höchsten Gebühren oder Provisionen einbringt. Wer als Banker seiner Karriere nicht schaden will, der sollte tunlichst die alljährlichen Zielvereinbarungen und die Verkaufsvorgaben des Managements erfüllen.

Wer Geld anzulegen hat, der sucht trotzdem Rat. Ein Sparer, der es versteht, mehr Geld zu verdienen als er zum Leben braucht, ist schließlich nicht zwangsläufig auch ein Experte darin, wie man Geld möglichst sicher und gewinnbringend investiert. Wer da nicht auf einen Fachmann oder eine Fachfrau im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis zurückgreifen kann, der könnte sich in seiner Anlagenot rasch ziemlich einsam fühlen.

 

Natürlich gibt es da noch jede Menge Fachmagazine, und viele Tageszeitungen warten auch mit Anlage-Tipps, wenn nicht gar mit ganzen „Geld“- oder „Investment“-Seiten auf. Obendrein wird dem geneigten Leser im Börsenteil erklärt, warum die Aktienkurse am Vortag gestiegen oder gefallen sind.

 

Doch dort hat es immer mehr um sich gegriffen, daß hier Fachleute zu Wort kommen, in erster Linie Banker, sogenannte Analysten und Börsianer. Wer wissen will, warum heute die Aktienkurse steigen (oder fallen), der muss nur einen Aktienhändler fragen. Der kann das ganz vernünftig erklären. Daß derselbe Aktienhändler am Morgen beim Schlag der Börsenglocke noch keine Ahnung davon hatte, wohin sich die Kurse an diesem Tag bewegen würden, bleibt unerwähnt.

 

In den Börsenberichten der Nachrichtenagenturen taucht immer mindestens ein solcher Experte auf. Wer sich die Mühe macht, einmal nachzurecherchieren, wer da eigentlich zitiert wird, der kann allerdings sein blaues Wunder erleben. So wurde vor einiger Zeit wochenlang auffallend häufig eine Dame von einer Firma namens Gekko Global Markets zitiert. Auf der Webseite entpuppte sich dieses Unternehmen als Betreiber einer Börsenhandelsplattform, das damals auch nach Deutschland expandieren wollte. Sinn und Zweck der öffentlichen Auftritte der Dame in den Börsenberichten war demnach wohl nicht in erster Linie, den Zeitunglesern die Börse zu erklären, sondern den Namen der Firma durch häufige Erwähnung hierzulande bekannt zu machen, der, womöglich nicht rein zufällig, dem gierigen Maulhelden Gordon Gekko aus dem Film „Wall Street“ entlehnt sein könnte.

 

Gern bieten Presse, Rundfunk und Fernsehen auch Banker und Vermögensverwalter auf, um ihren Lesern bzw. Nutzern die Börsenwelt zu erklären, besonders deren zukünftige Entwicklung. Denn das ist es ja, was Geldanleger wissen wollen. Doch damit wird der Bock zum Gärtner gemacht. Und man fragt sich, wie es eigentlich kommt, daß niemandem auffällt, daß hier laufend Leute befragt werden, die genau damit Geld verdienen, daß Geldanleger ihr Geld anlegen (ob gewinnbringend oder nicht) und nicht zu Hause unter der Matratze verstecken. In anderen Konstellationen wäre man schneller dabei, hier eine bedenkliche Interessenkollision festzustellen.

 

Wohin gehen die Börsenkurse? Wird jemand gefragt, der an hohen Aktienumsätzen verdient, der wird in den meisten Fällen zum Kauf von Aktien raten, selbst wenn sie gerade fallen. „Mittelfristig“, heißt es dann, würden sie bestimmt wieder steigen. Das klingt nicht nur plausibel, es ist auch plausibel – genau wie der Wetterbericht: „Mittelfristig“ wird die Sonne wieder scheinen, auch wenn gerade ein Tiefdruckgebiet auftaucht und eigentlich Sturmwarnung angesagt ist.