Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Gut verkauft, schlecht beraten

Die Beratung von Bankkunden, die Geld anlegen wollen, müssen dringend einem Pisa-Test unterzogen und genauso laut debattiert werden wie der Schultest

15.03.2011 Geschichten, die das Leben schreibt, kann sich kein Mensch ausdenken. Nehmen wir als Beispiel den Fall einer 68jährigen Rentnerin, nennen wir sie Iris Faik, die Geld anlegen will. Frau Faik hat viele Jahre lang recht erfolgreich mehrere Modeboutiquen betrieben. Um Geldangelegenheiten hat sich ihr inzwischen verstorbener Mann gekümmert. Vom einstigen bescheidenen Wohlstand ist nicht viel übrig geblieben, ihre Rente ist karg. Da trifft es sich, daß sie nun ein wenig geerbt hat.

 

Mit Geldanlagen kennt Frau Faik sich nicht aus. Man könnte sagen, sie sei auf diesem Gebiet dumm, wie wir alle dumm sind in Lebensbereichen und auf Wissensgebieten, in denen wir uns nicht auskennen. Frau Faik geht also zu ihrer Bank, um Rat einzuholen. Sie wolle nicht spekulieren, erklärt sie der Kundenberaterin, die sich ihrer annimmt. „Ich will mein Geld nur sicher anlegen, und dabei gute Zinsen erzielen.“

 

Nun müssen echte Namen genannt werden, denn die Beraterin bietet Frau Faik nur Produkte ihres eigenen Hauses, der Deutschen Bank, an. Da ist zum einen der Investmentfonds DWS Rendite Garant 2015 II. Daß es sich dabei um einen Rentenfonds mit Garantie handelt, muss die Beraterin auf dem dürftigen, kopierten Blatt, das nur spärlichste Informationen enthält, noch handschriftlich hinzufügen.

 

Im später nachgereichten Informationsblatt heißt es, der Fonds lege seine Mittel unter anderem in „forderungsbesicherte Wertpapiere“ an. Das klingt in den Ohren von Frau Faik recht gut, weil die Formulierung zusätzliche Sicherheit suggeriert. Der Verkaufsprospekt des Fonds, der Frau Faik nicht vorgelegt wird, wird da schon deutlicher: „Die Anlagen in Anleihen umfassen insbesondere, aber nicht abschließend, Residential Mortgage Backed Securities (RMBS), Commercial Mortgage Backed Securities (CMBS), Asset Backed Commercial Papers (ABCPs) und Covered Bonds.“

 

Nun ist zwar Frau Faik der englischen Sprache durchaus mächtig, aber was das für Wertpapiere sind, die da im Verkaufsprospekt beschrieben werden, versteht sie überhaupt nicht. Sagte man ihr, daß all dies jene Art von Wertpapieren sind, mit denen so viele Banken in der Finanzkrise – sehr drastisch ausgedrückt – selbst auf die Schnauze gefallen sind, würde Frau Faik den Fonds DWS Rendite Garant 2015 II sofort als Anlageinstrument ablehnen. Das sagt ihr aber niemand.

 

Als zweites Produkt bietet die Beraterin Frau Faik das Deutsche Bank Festzins-Zertifikat (WKN DB2KYZ) an. Dabei handelt es sich um eine festverzinsliche Anleihe mit einer Laufzeit von drei Jahren mit einem Zinssatz von 4,7 Prozent. Auch das klingt in den Ohren von Frau Faik recht attraktiv, weiß sie doch, daß wir derzeit in einer Niedrigzinsphase stecken, in der vergleichbare Renditen rar sind.

 

Die Beraterin erklärt Frau Faik auch noch, daß die Höhe der Rückzahlung der Anleihe an einen „Basiswert“ gekoppelt ist, nämlich an den Euro Stoxx 50. Aber das kapiert Frau Faik dann schon nicht mehr so richtig. Sie versteht nicht, daß sie beim Kauf dieses Zertifikats im Grunde eine Wette darauf abschließt, daß der europäische Aktienindex Euro Stoxx 50 am Laufzeitende der Anleihe nicht unter 1.500 Punkte fällt. Frau Faik versteht nichts von Aktien. Sie weiß weder, wo der EuroStoxx 50 heute steht, noch könnte sie erahnen, wo der Index am 19. März 2014 steht. Wie also kann man dieser Frau mit gutem Gewissen eine solche Wette anbieten?

 

Dennoch fühlte sich Frau Faik bei ihrer Beraterin gut aufgehoben. Am Ende des Beratungsgesprächs, berichtet sie, habe die Beraterin ihr nur noch zugeflüstert: „Sie können sich gar nicht vorstellen, unter was für einem Verkaufsdruck wir stehen.“