Wolfgang Köhler Redaktionsbüro
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Hysterisch und für dumm verkauft

Plastikteilchen im Schokoriegel: Wie kleine Nachrichten zu Groß-Ereignissen aufgebauscht werden und die Menschen verunsichern

29. Februar 2016 Die Welt ist alles, was der Fall ist. Mit diesem Satz begann Ludwig Wittgenstein seine berühmte „Logisch-philosophische Abhandlung“. Darin zeigt der Philosoph dem geneigten Leser, daß es nicht so sehr die Dinge sind, die die Welt ausmachen, sondern Tatsachen. Sachverhalte eben.

 

Tatsache ist offenbar, dass ein Plastikdeckel in eine Maschine gefallen ist, mit der Schokoriegel hergestellt werden. Aufgetaucht ist das in tausend Einzelteile zerschredderte Plastik in einem dieser Schokoriegel, in das eine Kundin (Aha!) herzhaft hineingebissen hatte. Zerknirscht musste der Hersteller Mars inzwischen einräumen, daß schon im Jahr 2014 ein Mann aus Schleswig-Holstein ( Soso!) sich ein Stück Zahn an einem Schokoriegel „ausgebissen“ hat. Auch damals schon soll ein Plastikteil und nicht etwa eine besonders harte Erdnuss die Ursache gewesen sein. Das ist natürlich ein Skandal.

 

Wenn es zur Aufgabe der Medien gehört, uns die Welt wenigstens ansatzweise zu erklären, dann ist dieser Sachverhalt natürlich eine Schlagzeile wert. Auf Seite eins in gedruckten Medien, ganz oben an nicht weniger prominenter Stelle im Internet. Angeblich hat ja die Firma Mars es für nötig befunden, 55 Millionen (Donnerwetter!) Schokoriegel aus den Verkaufsregalen zurückzurufen. Kleines Detail am Rande: Die 55 Millionen zurückgerufenen Schokoriegel entsprechen etwa zwei Tagesproduktionen in der Fabrik, aus dem die inkriminierten Schokoriegel stammen.

 

Die Nachricht von dem Produkt-Rückruf, hieß es in einer Zeitung, „wurde nach wenigen Minuten im Netz wie wild geklickt – allgemeine Betroffenheit war Pflicht“. Verschwörungstheorien sollen die Runde gemacht haben. „Da muss etwas anderes dahinterstecken“, und „die wildesten Vermutungen wurden angestellt,“ so hieß es.

 

An dieser Stelle könnte man nun wieder von einem „Shitstorm“ schreiben, könnte man beklagen, dass tumbe und hysterische Internet-Nutzer, die zu jedem Fliegenschiss ihren Kommentar abgeben zu müssen glauben, aus einer Mücke einen Elefanten fabrizieren. Doch es sind längst nicht nur anonyme, tumbe und hysterische Internet-Nutzer, die sich wichtig machen wollen mit Gerüchten und Vermutungen und Vorurteilen in ihren Kommentaren.

 

Man muss sich nur mal umschauen. Die Hysterie wird auch von etablierten und als seriös geltenden Internet-Portalen geschürt. Nehmen wir als Beispiel nur einmal den Fall eines großen deutschen Presseorgans, das sich selbst stolz als „Nachrichtenmagazin“ betitelt. Dessen Online-Redakteure haben den Mars-Rückruf allen Ernstes mit einem sogenannten „News-Ticker“ zu einer weltbewegenden Groß-Tatsache aufgeblasen.

 

Alle paar Minuten wird der Nachrichtenstrom über solche Groß-Tatsachen aktualisiert – mit genauer Zeitangabe. Jede Wendung der Ereignisse wird widergespiegelt, damit die Besucher des Online-Portals um Gottes Willen stets top-aktuell informiert sind. Dazu gibt es praktische Hinweise: „Was Sie tun müssen, wenn Sie ein Mars gegessen haben“. Da gibt es dann so nützliche Informationen wie „Bleibt etwas Unverdauliches im Magen-Darm-Trakt hängen, sollten Sie zum Arzt“. Wer hätte das gedacht! Dazu gibt es noch den nützlichen Hinweis: „Wissenswertes über den Magen, Sodbrennen, Reflux, Gastritis und einen Selbsttest finden Sie in unserem handlichen PDF-Ratgeber.“

 

Dem Chronisten bleibt da keine Wahl als subjektiv zu werden: Ich fühle mich angesichts solcher „Nachrichten“ und „Informationen“ für dumm verkauft. Da halte ich doch mehr von dem Fazit, das Ludwig Wittgenstein nach gut 100 Seiten seiner „Logisch-philosophischen Abhandlung“ zieht: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

 

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